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07.05.2010 - 17.15 Uhr
Dr. Paul Thissen: Musik ist für die Kirche unverzichtbar
Dr. Paul Thissen, Leiter des Referats Kirchenmusik im Erzbischöflichen Generalvikariat.
Dr. Paul Thissen, Leiter des Referats Kirchenmusik im Erzbischöflichen Generalvikariat.
Am 30. Mai finden zeitgleich in über 100 Pastoralverbünden des ganzen Erzbistums Paderborn Konzerte und kirchenmusikalische Veranstaltungen statt. Diese „Stunde der Kirchenmusik“ ist Teil einer groß angelegten Imagekampagne des Erzbistums: Unter dem Motto „Kirche nur mit Musik“ macht diese auf den hohen Stellenwert von Kirchenmusik aufmerksam. Dr. Paul Thissen, Leiter des Referats Kirchenmusik im Erzbischöflichen Generalvikariat, erläutert in einem Interview mit Maria Aßhauer Hintergründe, Ziele und Inhalt der Kampagne.

Herr Dr. Thissen, warum geht es in der „Kirche nur mit Musik“?

Dr. Thissen Erzbischof Hans-Josef Becker hat in dem pastoralen Arbeitsprogramm „Perspektive 2014“ einerseits von der „Schönheit der Liturgie“ gesprochen und anderseits von den so genannten „niederschwelligen Angeboten“, mit denen auch Menschen erreicht werden sollen, die keinen direkten Zugang zur Kirche haben. Dass Musik für die Schönheit der Liturgie unverzichtbar ist, wird kaum jemand bestreiten wollen. Schon der Hl. Augustinus hat die Erfahrung gemacht, dass gerade das Singen als Sprache der Liebe das Herz des Menschen für Gott öffnen kann. Insofern vermag die Musik die von Guardini so genannte „Liturgiefähigkeit“ des Menschen zu steigern, eine mystagogisch-symbolische Annäherung zu ermöglichen, innere Voraussetzungen zu schaffen für den lebendigen und fruchtbaren Mitvollzug der Liturgie. Wir können nun nicht übersehen, dass viele Menschen keinen Bezug zu Glauben oder Kirche mehr haben, dennoch aber doch so etwas wie einen religiösen Hunger verspüren. Da die Musik wie kaum eine andere Kunst emotional berührt und ihr gleichzeitig eine große spirituelle Kraft eignet, dürfte sie wie kaum eine andere Kunst geeignet sein, für solche Menschen gleichsam ein „Vorhof“ zur Kirche zu sein. Ich denke, dies alles ist Grund genug, zu behaupten, dass Musik in der und für die Kirche unverzichtbar ist.

Rita Kramer (Mitarbeiterin im Referat Kirchenmusik), Prälat Thomas Dornseifer (Leiter der Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat) und Dr. Paul Thissen (Leiter des Referats Kirchenmusik) stellen das Motto „Kirche nur mit Musik“ im Hohen Dom zu Paderborn vor.
Rita Kramer (Mitarbeiterin im Referat Kirchenmusik), Prälat Thomas Dornseifer (Leiter der Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat) und Dr. Paul Thissen (Leiter des Referats Kirchenmusik) stellen das Motto „Kirche nur mit Musik“ im Hohen Dom zu Paderborn vor.
Welchen konkreten Hintergrund hat die Imagekampagne?

Dr. Thissen Der Erzbischof hat vor drei Jahren eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Überlegungen zur Zukunft der Kirchenmusik in unserem Erzbistum anstellen sollte. Zunächst hat man geprüft, wie die Dekanatskirchenmusikerstellen den neuen Bistumsstrukturen angepasst werden können. Da die Anzahl der hauptberuflichen Kirchenmusikerstellen in den Pfarreien relativ gering ist, wurde in einem nächsten Schritt gefragt, wie die Situation auf Pfarreiebene verbessert werden kann. In diesem Kontext wurde die Idee der „Imagekampagne“ geboren, mit der auf den Stellenwert von Musik in der Kirche aufmerksam gemacht und motiviert werden soll, in Hauptberuflichkeit zu investieren, denn wenn Nebenberuflichkeit auch unverzichtbar ist, stellt der Kirchenmusiker mit einem berufsqualifizierenden Hochschulabschluss eine Grundvoraussetzung für Professionalität dar, die natürlich auch etwas kostet.

Letztlich ist also auch hier wie so oft alles eine Frage der Finanzierung?

Dr. Thissen Das kann man kaum in Abrede stellen. Wir müssen uns fragen, wie wir in den neuen pastoralen Räumen Kirchenmusik organisieren, Kräfte sowie finanzielle Ressourcen bündeln können und schließlich auch, welchen Beitrag das Erzbistum leisten kann.

Was ist in Ihren Augen das wichtigste Ziel der Kampagne und welche Adressaten soll sie vorrangig erreichen?

Dr. Thissen In erster Linie möchten wir bei denjenigen Personen, die Leitungsverantwortung im Bistum, vor allem aber in den Gemeinden tragen – hier wären also Dechanten, Pastoralverbundsleiter und Kirchenvorstände als Zielgruppe zu nennen – ein stärkeres Bewusstsein für den hohen Stellenwert von Musik in der Kirche wecken, ihnen deutlich machen, welche Chancen kirchenmusikalisches Engagement für die Pastoral und für die Zukunft von Kirche bedeutet. Das heißt, wir sprechen sowohl die breite Öffentlichkeit an und betreiben zugleich eine Kampagne nach innen.

Sie haben bei der Vorbereitung der Kampagne unter den Pastoralverbundsleitern des Erzbistums eine Umfrage zur Kirchenmusik durchgeführt. Welche Rolle haben die Umfrageergebnisse für die Imagekampagne Kirchenmusik gespielt?

Dr. Thissen Ziel der Umfrage war es zu schauen, welche Chancen eine Imagekampagne Kirchenmusik hat. Fällt das, was wir säen wollen, auf fruchtbaren Boden? Und in der Tat haben uns die Ergebnisse ermutigt, weil sie zeigen konnten, dass Musik von den Befragten als ein integraler Bestandteil von Liturgie gesehen wird und dass es dort, wo kirchenmusikalische Professionalität in Gestalt eines hauptberuflichen Kirchenmusikers existiert, zahlreiche  kirchenmusikalische Aktivitäten und Gruppen sowie einen hohen Grad an Zufriedenheit gibt.  Damit sollen die Leistung und das Engagement nebenberuflich tätiger Kirchenmusiker natürlich nicht in Abrede gestellt werden. Ganz im Gegenteil, auch sie sind für eine lebendige Kirchenmusik wichtig. Die Umfrage hat uns also auf jeden Fall das positive Signal gegeben, unsere Aktion zu starten.

Welche inhaltlichen Elemente kennzeichnen das Jahresprogramm?

Dr. Thissen Das Programm hat mehrere strukturelle Elemente. Zunächst sind die Tourneekonzerte zu nennen, ein bisher einmaliges Angebot der Dekanatskirchenmusiker. Pfarreien oder Pastoralverbünde können anfragen, ob einer der Kirchenmusiker in ihrer Gemeinde vor Ort ein Konzert gibt, seien es ein Orgelkonzert, ein Chorkonzert oder auch ein Konzert von Orgel mit Instrumentalbegleitung. Der zweite wichtige Punkt ist die Stunde der Kirchenmusik am 30. Mai, bei der zeitgleich um 17.00 Uhr in vielen Pastoralverbünden des Erzbistums eine kirchenmusikalische Stunde stattfindet. Dann ist am 3. Juli der Tag der Kirchenmusik als Großveranstaltung mit rund 3.500 Teilnehmern der Höhepunkt des Jahres. Weitere Großveranstaltungen sind der Organistentag in Minden am 19. Juni und das Jugendchor-Wochenende in Medebach am 18. und 19. September. Hinzu kommen zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen, die wir sonst auch außerhalb der Kampagne anbieten. Dieses Programm hat zum Ziel darzulegen, wie vielfältig die Kirchenmusik in unserem Erzbistum aufgestellt ist. Gerade die Stunde der Kirchenmusik, die überwiegend von nebenamtlich Tätigen getragen wird, zeigt, dass ihrerseits ein sehr großes Engagement besteht. Ich persönlich finde es beachtlich, was in diesem Programm alles zusammengekommen ist – ein schönes Dokument dessen, was hier im Erzbistum kirchenmusikalisch schon passiert.

Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wie wird es über das Jahr 2010 hinaus weiter gehen in punkto Kirchenmusik im Erzbistum?

Dr. Thissen Am Ende des Jahres müssen wir zunächst schauen, welche Früchte geerntet werden können. Unabhängig davon werden wir natürlich ein Jahresprogramm in dieser Form nicht einfach wieder auflegen können. Aber sicherlich gibt es Punkte, die beibehalten werden. Das sind zum Beispiel Fortbildungsveranstaltungen und die Konzerte der Dekanatsmusiker, die nicht zuletzt auch einen wesentlichen Beitrag zum Kulturauftrag der Kirche leisten. Aber darüber hinaus arbeiten wir natürlich weiter an den Überlegungen zur Kirchenmusik in den neuen pastoralen Räumen. Ein zentrales Stichwort sind dabei so genannte Leuchtturm-Projekte. Hier geht es darum zu prüfen, wie ausgewählte Pastoralverbünde, die den ausgesprochenen Willen haben, einen kirchenmusikalischen Akzent zu setzen, vom Erzbistum unterstützt werden können. Ich finde es übrigens sehr erfreulich, dass wir mit solchen Fragen trotz der angespannten finanziellen Situation kreativ umgehen können. Es ist völlig klar: Unser Ziel muss es sein, ganz konkret vor Ort für entsprechende Nachhaltigkeit sorgen, ansonsten wäre die Kampagne ein reiner Selbstzweck. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg. 

Mit Dr. Paul Thissen sprach Maria Aßhauer.

Zur Person: Dr. Paul Thissen

Dr. Paul Thissen wurde 1955 in Kleve geboren. Er studierte Kirchenmusik (A-Examen), Schulmusik und Germanistik in Essen sowie Musikwissenschaft in Paderborn und Detmold. Seit 1987 leitet er das Referat Kirchenmusik im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn und nimmt gleichzeitig einen Lehrauftrag an der Staatlichen Hochschule für Musik in Detmold wahr. Thissen tritt regelmäßig als Organist in Liturgie und Konzert in Erscheinung. Publikationen vor allem zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts runden seine Tätigkeit ab.

(pdp-d-07.05.10)


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